Extrakte aus Heidelbeeren (Vaccinium myrtillus L.) gehören seit Jahrzehnten zu den weltweit am häufigsten eingesetzten und geschätzten pflanzlichen Inhaltsstoffen in Nahrungsergänzungsmitteln.
Im Gegensatz zu den üblicherweise kultivierten Heidelbeeren, die hauptsächlich zu Arten wie Vaccinium corymbosum L. und Vaccinium angustifolium Aiton gehören, wächst die für die Herstellung hochwertiger Extrakte verwendete Wildheidelbeere (Vaccinium myrtillus L.) ausschließlich wild und natürlich im Unterholz. Die Beeren werden erst bei voller Reife geerntet, entweder von Hand oder mithilfe kleiner Beerenkämme.
Nach der Ernte im Wald werden die Beeren von Vaccinium myrtillus L. rasch zu den Verarbeitungsbetrieben transportiert und dort möglichst zeitnah eingefroren, um ihre natürlichen Eigenschaften bestmöglich zu erhalten und oxidative Prozesse auf ein Minimum zu reduzieren.
Da der Rohstoff ausschließlich aus Wildsammlung stammt, ist die Verfügbarkeit von Heidelbeeren besonders stark von den klimatischen Bedingungen, der verfügbaren Erntearbeitskraft und natürlich vom internationalen Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage abhängig.
Ein Rohstoff, der stark von der Erntesaison abhängt
Die Erntekampagne 2025 war die schwierigste, die der europäische Markt für wild wachsende Heidelbeeren je erlebt hat – ein echtes annus horribilis für die Branche.
In den wichtigsten Sammelgebieten Mittel- und Osteuropas, insbesondere in der Karpatenregion, führten ungünstige Witterungsbedingungen während der empfindlichen Entwicklungs- und Blütephasen zu einer deutlich geringeren Verfügbarkeit der Beeren.
Vaccinium myrtillus ist besonders empfindlich gegenüber Spätfrösten. Temperaturen unter dem Gefrierpunkt während der Knospenentwicklung und Blüte können reproduktive Gewebe schädigen und die spätere Fruchtbildung unmittelbar beeinträchtigen.
Die Ernte 2025 führte daher zu einer außergewöhnlich geringen Rohstoffverfügbarkeit und zu einem starken Anstieg der Beerenpreise, der sich zwangsläufig auch auf die Kosten der Extrakte auswirkte.
Entsprechend hoch waren die Erwartungen an die Erntekampagne 2026.
In den Karpaten hat sich die Produktion tatsächlich deutlich verbessert, und die Verfügbarkeit der Beeren lag erheblich über dem Niveau des Vorjahres.
Unter normalen Marktbedingungen hätte eine Ernte dieser Größenordnung zu einer schrittweisen Preiskorrektur führen müssen.
Genau das ist jedoch nicht eingetreten.
Die internationale Nachfrage blieb außergewöhnlich hoch, nicht zuletzt weil die äußerst schwierige Vorjahreskampagne die Lagerbestände entlang der gesamten Lieferkette praktisch aufgebraucht hatte.
Im Jahr 2025 kauften viele Marktteilnehmer aufgrund der extrem knappen Rohstoffverfügbarkeit und der außergewöhnlich hohen Preise nur noch gegen bereits bestätigte Kundenaufträge ein und verzichteten darauf, ihre Lagerbestände wieder aufzufüllen.
Mit Beginn der Erntekampagne 2026 wurde daher ein erheblicher Teil der zusätzlichen Verfügbarkeit nicht nur von der laufenden Nachfrage aufgenommen, sondern auch durch die Notwendigkeit, praktisch nicht mehr vorhandene Lagerbestände wieder aufzubauen.
Diese starke Nachfrage verhinderte, dass sich die verbesserte Erntesituation in dem von vielen Marktteilnehmern erwarteten Preisdruck nach unten niederschlug.
Zusätzlich erschwert wurde die Marktsituation durch die Entwicklung in den nordischen Ländern, die traditionell wichtige Bezugsregionen für wild wachsende Heidelbeeren sind.
Insbesondere in Finnland lag das Hauptproblem im Jahr 2026 nicht in der Verfügbarkeit der Beeren in den Wäldern, sondern in der Verfügbarkeit von Arbeitskräften für deren Ernte.
Der finnische Wildbeerenmarkt ist seit vielen Jahren in hohem Maße auf ausländische Saisonarbeitskräfte angewiesen, insbesondere auf Erntehelfer aus Thailand.
Strengere Vorschriften für Saisonarbeit und verstärkte Kontrollen infolge von Problemen in den Vorjahren führten jedoch zu einer deutlichen Verringerung der Zahl der für die Saison 2026 verfügbaren Erntehelfer.
Das Ergebnis war eine beinahe paradoxe Situation: Selbst dort, wo ausreichend Beeren in den Wäldern vorhanden waren, konnte ein erheblicher Teil der Ernte aufgrund fehlender Arbeitskräfte nicht eingebracht werden.
Die Kombination dieser Faktoren – eine gute Produktion in den Karpaten, die von einer außergewöhnlich starken Nachfrage aufgenommen wurde, sowie operative Ernteprobleme in den nordischen Regionen – führte dazu, dass die Erntekampagne 2026 deutlich anders endete als ursprünglich erhofft.
Die Preise für wild wachsende Heidelbeeren blieben daher weitgehend auf dem Rekordniveau der Erntekampagne 2025, ohne die spürbare Normalisierung, die der Markt zu Beginn der Saison erwartet hatte.
Unter solchen Marktbedingungen, die durch knappe und besonders teure Rohstoffe gekennzeichnet sind, wird es umso wichtiger, auf das Risiko von Verfälschungen zu achten und vor allem genau zu verstehen, was tatsächlich eingekauft wird.
Dabei handelt es sich keineswegs nur um ein rein theoretisches Risiko: Eine im Jahr 2026 veröffentlichte Studie, die auf dem HPLC-DAD-Fingerprinting kommerziell erhältlicher anthocyanhaltiger Produkte basierte, zeigte erhebliche Auffälligkeiten hinsichtlich der Authentizität; nur 54 % der untersuchten Produkte konnten als authentisch verifiziert werden.
Wenn die Preise für die Beeren so stark steigen, nimmt der wirtschaftliche Druck entlang der gesamten Lieferkette zwangsläufig zu.
Deshalb ist es unerlässlich, nicht nur die deklarierte Standardisierung eines Extrakts zu bewerten, sondern auch seine Authentizität, seinen tatsächlichen Gehalt an aktiven Inhaltsstoffen und die analytische Methode, mit der dieser Gehalt bestimmt wurde.
Genau hier zeigt sich einer der am häufigsten unterschätzten Aspekte beim Vergleich von Vaccinium myrtillus-Extrakten: Ein Prozentwert allein liefert nicht zwangsläufig genügend Informationen.
Ein Extrakt mit einer Deklaration von 25 % ist beispielsweise nicht automatisch mit einem anderen Extrakt gleichzusetzen, der ebenfalls mit 25 % angegeben wird.
Die entscheidende Frage lautet daher: Was bedeutet es tatsächlich, wenn ein Heidelbeerextrakt mit 25 % Anthocyanen angegeben wird?
Welche aktiven Inhaltsstoffe enthält die Heidelbeere?
Heidelbeerfrüchte (Vaccinium myrtillus L.) gehören zu den reichsten natürlichen Quellen für Anthocyane.
Diese polyphenolischen Verbindungen verleihen den Beeren ihre charakteristische tief blau-schwarze Farbe, die sich nicht nur in der Schale, sondern auch im Fruchtfleisch findet.
Dadurch lässt sich die europäische Heidelbeere leicht von vielen kultivierten Blueberry-Sorten unterscheiden, deren Fruchtfleisch typischerweise hell ist.
Anthocyane gelten als die wichtigsten bioaktiven Verbindungen, die mit zahlreichen positiven Eigenschaften von Heidelbeeren und anderen Beeren in Verbindung gebracht werden.
Bei der Bewertung eines Heidelbeerextrakts ist die Anthocyankonzentration daher ein zentraler Parameter.
Ein weiterer ebenso wichtiger Faktor sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden: die tägliche Dosierung, in der das Produkt eingesetzt werden soll.
Eine höhere Anthocyankonzentration bedeutet einen stärker konzentrierten Extrakt und erfordert eine größere Menge an frischen Beeren, was entsprechend höhere Produktionskosten verursacht.
Die Konzentration ist jedoch nicht der einzige relevante Parameter.
Vaccinium myrtillus weist ein charakteristisches Profil aus 15 Hauptanthocyanen auf, die sich aus der Kombination von fünf Anthocyanidinen – hauptsächlich Delphinidin, Cyanidin, Petunidin, Peonidin und Malvidin – mit unterschiedlichen Zuckern ergeben.
Ihre Präsenz und ihre relativen Mengenverhältnisse bilden den sogenannten Anthocyan-Fingerprint der Heidelbeere.
Dieser Fingerprint ist eine echte analytische Signatur, mit deren Hilfe sich die Authentizität des Extrakts bestätigen und von anderen anthocyanhaltigen Beerenquellen unterscheiden lässt.
Wie werden Anthocyane bestimmt? UV oder HPLC?
Zur Quantifizierung von Anthocyanen stehen verschiedene analytische Methoden zur Verfügung.
Die beiden am häufigsten eingesetzten Verfahren sind:
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UV-Vis-Spektrophotometrie: ein historisches und vergleichsweise einfaches Verfahren, das über viele Jahre auch für die Freigabe pharmazeutischer Produkte eingesetzt wurde;
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HPLC (Hochleistungsflüssigkeitschromatographie): eine präzisere und selektivere Methode, die heute sowohl vom Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur.) als auch von der United States Pharmacopeia (USP) anerkannt ist.
Die „magischen“ 25 % und der tatsächliche Gehalt
Über viele Jahre wurden Heidelbeerextrakte mit der UV-Methode standardisiert, bei der der Anthocyangehalt indirekt über die Bestimmung der Gesamtanthocyanidine erfasst wird.
Mit dieser Methode wurden Extrakte auf 25 % Anthocyanidine standardisiert und entsprechend freigegeben.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich dieser Wert zu einem historischen Referenzwert und zu einem anerkannten Goldstandard für die Identifizierung eines authentischen, hochwertigen Heidelbeerextrakts.
Der große kommerzielle Erfolg dieser Produkte im Nahrungsergänzungsmittelmarkt begünstigte jedoch auch wirtschaftlich motivierte Verfälschungen.
Dabei wurden unter anderem nicht deklarierte anthocyanhaltige Farbstoffe zugesetzt, die das Ergebnis der UV-Methode beeinflussen konnten.
Die UV-Methode basiert auf der Messung der Absorption bei einer für Anthocyanidine charakteristischen Wellenlänge.
Sie liefert somit eine indirekte Schätzung des Gesamtgehalts, kann jedoch nicht zwischen unterschiedlichen Molekülen unterscheiden, die bei derselben Wellenlänge absorbieren.
Daher lässt sich mit dieser Methode nicht bestimmen, welches einzelne Anthocyanidin tatsächlich vorhanden ist – beispielsweise Cyanidin, Delphinidin oder Malvidin – und auch nicht, ob das Molekül in freier Form oder als an Zucker gebundenes Anthocyan vorliegt.
Darüber hinaus kann jede Substanz mit einer ähnlichen Absorption im Bereich von etwa 520 nm zum Gesamtsignal beitragen.
Um solchen Verfälschungen entgegenzuwirken, wurde die HPLC, die zunächst hauptsächlich für die Freigabe des Fertigprodukts eingesetzt wurde, zunehmend auch für die Validierung von Rohstoffen verwendet.
Dank ihrer Fähigkeit, die einzelnen Anthocyane zu trennen und zu identifizieren, ermöglicht die HPLC die Unterscheidung zwischen einem authentischen Profil – dem tatsächlichen Heidelbeer-Fingerprint – und einem verfälschten Profil.
Dadurch wird es deutlich schwieriger, betrügerische Zusätze zu verschleiern.
Dieser analytische Ansatz wurde später sowohl vom Europäischen Arzneibuch als auch von der United States Pharmacopeia offiziell anerkannt.
Mit dem Übergang zur HPLC zeigte sich, dass ein authentischer Extrakt aus wild wachsender Heidelbeere (Vaccinium myrtillus L.), der mit der UV-Methode 25 % Anthocyanidine aufweist, bei Analyse mit der entsprechenden HPLC-Methode etwa 36 % Anthocyane enthält.
Dieser Unterschied bedeutet selbstverständlich nicht, dass der Extrakt plötzlich mehr aktive Inhaltsstoffe enthält.
Er ergibt sich vielmehr daraus, dass die beiden analytischen Methoden den Gehalt nach unterschiedlichen analytischen Prinzipien bestimmen und ausdrücken.
Die HPLC misst die einzelnen Anthocyane direkt in ihrer glykosylierten Form – also in der natürlichen Form, wie sie in frischen Beeren vorkommt – während die UV-Methode die Gesamtanthocyanidine indirekt quantifiziert.
Warum die analytische Methode entscheidend ist
Wenn bei einem Heidelbeerextrakt von den bekannten 25 % gesprochen wird, muss unbedingt angegeben werden, mit welcher analytischen Methode dieser Wert bestimmt wurde.
Zwei authentische Extrakte aus wild wachsender Heidelbeere (Vaccinium myrtillus L.), die beide mit 25 % deklariert sind, können tatsächlich sehr unterschiedliche Mengen an aktiven Inhaltsstoffen enthalten – je nachdem, ob das Ergebnis mit UV oder mit HPLC bestimmt wurde.
Wie oben erläutert, entspricht ein Referenzextrakt mit 25 % nach UV ungefähr 36 % nach HPLC.
Umgekehrt entspricht ein Produkt mit 25 % nach HPLC ungefähr 18 % nach UV und enthält damit rund 30 % weniger Anthocyane als das erstgenannte Produkt.
Dementsprechend sollte ein auf 25 % HPLC standardisierter Extrakt proportional günstiger sein.
Um die gleiche Menge an aktiven Inhaltsstoffen zu liefern wie ein Extrakt mit 25 % UV / 36 % HPLC, muss er außerdem in einer höheren Dosierung eingesetzt werden.
Konkret liefern 100 mg eines 36%igen HPLC-Extrakts etwa 36 mg Anthocyane, während 100 mg eines 25%igen HPLC-Extrakts etwa 25 mg Anthocyane liefern.
Um mit einem 25%igen HPLC-Extrakt etwa 36 mg Anthocyane bereitzustellen, wären daher ungefähr 144 mg Produkt erforderlich.
Aus diesem Grund reicht es beim kommerziellen Vergleich zweier Heidelbeerextrakte nicht aus, ausschließlich den Preis pro Kilogramm zu betrachten.
Entscheidend ist vielmehr der Preis im Verhältnis zur tatsächlich in der Endformulierung bereitgestellten Menge an Anthocyanen.
Fazit
Um Qualität, Wirksamkeit und Transparenz zu gewährleisten, sollte bei Heidelbeerextrakten nicht nur die deklarierte Standardisierung, sondern auch die verwendete analytische Methode berücksichtigt werden.
Nur so lassen sich Produkte korrekt miteinander vergleichen und irreführende Interpretationen vermeiden.
Begriffserklärung – Anthocyane und Anthocyanidine: Wo liegt der Unterschied?
Um Missverständnisse zu vermeiden, werden die wichtigsten in diesem Artikel verwendeten Begriffe nachfolgend kurz erläutert.
Anthocyane sind wasserlösliche Pigmente aus der Gruppe der Flavonoide.
Sie kommen in Pflanzen natürlicherweise in glykosylierter Form vor, das heißt, sie sind an Zuckermoleküle gebunden.
Sie sind für die charakteristische blau-violette Farbe von Früchten wie der Heidelbeere verantwortlich und stellen die natürliche Form dar, die in frischen Beeren vorkommt.
Anthocyanidine sind die zuckerfreien Formen der Anthocyane und werden auch als Aglyka bezeichnet.
Sie entstehen durch Spaltung der Bindung zwischen dem Anthocyan und seinem Zuckeranteil in einem als Hydrolyse bezeichneten Prozess.
Zusammengefasst:
Anthocyane sind die natürlicherweise in den Beeren vorkommenden Verbindungen und werden üblicherweise mit HPLC-Methoden quantifiziert.
Anthocyanidine sind ihre zuckerfreien Formen und werden üblicherweise mit spektrophotometrischen Analyseverfahren bestimmt.