Die Anbaugebiete unserer Rohstoffe persönlich kennenzulernen, gehört seit jeher zu den schönsten Seiten unserer Arbeit. Im Laufe der Jahre hatten wir Gelegenheit, Anbaugebiete in verschiedenen Teilen der Welt zu besuchen und mit den Menschen zu sprechen, die unsere Rohstoffe erzeugen. Von jeder Reise haben wir neue Eindrücke und Erkenntnisse mitgenommen.
Über einige dieser Erfahrungen haben wir bereits berichtet – etwa über die Aronia und Melisse in Polen oder die Acerola in Brasilien. Diesmal führte uns die Reise über den Atlantik nach Québec in Kanada.
Mitte Oktober durften wir die Anbaugebiete von Fruit d’Or, einem der führenden Cranberry-Produzenten Nordamerikas, besuchen und die Ernte von Vaccinium macrocarpon aus nächster Nähe miterleben.
Eine Gelegenheit, nicht nur mehr über diese kleine rote Beere zu erfahren, sondern auch die Region und ihre Menschen kennenzulernen – und ein faszinierendes Anbausystem zu entdecken, in dem Wasser eine erstaunlich vielseitige Rolle spielt.
Cranberries: kleine Pflanzen mit überraschenden Eigenschaften
Die Cranberry (Vaccinium macrocarpon), im Deutschen auch Großfrüchtige Moosbeere genannt, gehört zur Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae). Zu dieser Familie zählen auch die Europäische Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) und die Kulturheidelbeere (Vaccinium corymbosum).
Anders als diese aufrecht wachsenden Sträucher ist die Cranberry eine niedrig wachsende, immergrüne, mehrjährige Pflanze mit feinen, kriechenden Trieben. Sie breitet sich flach über den Boden aus und bildet einen erstaunlich dichten Pflanzenteppich.
Das war einer der ersten Eindrücke, die uns vor Ort aufgefallen sind: Die Pflanzen wachsen fast direkt am Boden. Ist der Bestand gut entwickelt, lässt die dichte Pflanzendecke weniger Raum für Unkraut.
Eine sorgfältige Unkrautkontrolle wird dadurch zwar nicht überflüssig, doch für den Anbau ist diese Eigenschaft durchaus von Vorteil.
Cranberries gedeihen auf sauren, gut durchlässigen Böden, häufig mit sandigen Anteilen und einem hohen Gehalt an organischer Substanz. Aus ihren zarten rosafarbenen Blüten entwickeln sich die bekannten Beeren, die im Laufe des Sommers von Grün zu einem zunehmend kräftigen Rot wechseln.
Warum gerade Québec?
Der kommerzielle Cranberry-Anbau konzentriert sich vor allem auf Nordamerika. Die Vereinigten Staaten und Kanada sind die beiden wichtigsten Erzeugerländer.
In den USA zählen Wisconsin und Massachusetts zu den bedeutendsten Anbauregionen. In Kanada liegen die Schwerpunkte in Québec und British Columbia. Auch in Chile werden Cranberries angebaut – auf der Südhalbkugel findet die Ernte allerdings zu einer anderen Jahreszeit statt.
Québec ist besonders interessant: Die Provinz verfügt über die größte Cranberry-Anbaufläche Kanadas und zählt weltweit zu den wichtigen Zentren des ökologischen Cranberry-Anbaus.
Die Region bietet günstige Voraussetzungen für diese nordamerikanische Pflanzenart: saure Böden, reichlich Wasser, strenge Winter und eine vergleichsweise kurze Vegetationsperiode.
Das kalte Klima bringt allerdings auch Herausforderungen mit sich, insbesondere die Gefahr von Frost im Frühjahr und Herbst. Genau hier kommt einer der faszinierendsten Aspekte des Cranberry-Anbaus ins Spiel.
Wasser: ein wertvoller Helfer während des ganzen Jahres
Eine Besonderheit des Cranberry-Anbaus ist die enge Verbindung zum Wasser.
Auch wenn die Bilder der Ernte einen anderen Eindruck vermitteln können: Cranberry-Pflanzen wachsen normalerweise nicht unter Wasser. Sie werden auf Feldern kultiviert, die sich über ein System aus Wasserreservoirs, Kanälen, Dämmen und Bewässerungsanlagen zeitweise fluten lassen.
Wasser erfüllt im Laufe des Jahres ganz unterschiedliche Aufgaben – von der Bewässerung im Sommer über den Frostschutz bis hin zur Ernte im Herbst.
Die großen, durch Kanäle und Pumpen miteinander verbundenen Wasserbecken erinnerten uns stellenweise an Reisfelder, die europäischen Lesern vielleicht vertrauter sind. Ein entscheidender Unterschied bleibt jedoch: Cranberry-Felder werden nur vorübergehend und für bestimmte landwirtschaftliche Zwecke geflutet.
Auch die Wasserbewirtschaftung selbst ist bemerkenswert. Wasser wird in Reservoirs und Rückhaltebecken gespeichert, bei Bedarf eingesetzt und, soweit möglich, wieder aufgefangen und in das System zurückgeführt.
Wenn Eis die Pflanzen vor Frost schützt
Zu den überraschendsten Erkenntnissen unseres Besuchs gehörte, wie gezielt Wasser eingesetzt wird, um die Pflanzen vor niedrigen Temperaturen zu schützen.
In besonders kalten Nächten können Bewässerungsanlagen Wasser über Pflanzen, Knospen und Beeren versprühen.
Das klingt zunächst widersprüchlich: Wasser auf die Pflanzen sprühen, wenn die Temperaturen unter den Gefrierpunkt fallen?
Tatsächlich handelt es sich um ein bewährtes Frostschutzverfahren, das auf einem einfachen physikalischen Prinzip beruht: Wenn flüssiges Wasser gefriert, wird Wärme frei.
Wird unter geeigneten Bedingungen kontinuierlich Wasser ausgebracht, kann die Temperatur des Pflanzengewebes nahe dem Gefrierpunkt gehalten werden. So wird verhindert, dass sie auf noch tiefere und möglicherweise schädliche Werte sinkt.
Die Bilder können spektakulär sein: Pflanzen und Beeren sind vollständig von einer Eisschicht umgeben, die sie paradoxerweise vor dem Frost schützt.
Auch eine kontrollierte Flutung im Winter kann dazu beitragen, die Pflanzen vor extremer Kälte und Austrocknung zu schützen.






Oktober: Zeit für die Cranberry-Ernte
In Nordamerika werden Cranberries je nach Anbaugebiet, Witterung und Reifegrad in der Regel zwischen September und Anfang November geerntet.
Bei unserem Besuch in Québec in der zweiten Oktoberhälfte konnten wir eine besonders eindrucksvolle Methode beobachten: die sogenannte Nassernte (wet harvesting).
Vor der Ernte werden die Felder so weit geflutet, dass die Erntemaschinen darüberfahren können.
Spezielle Maschinen mit rotierenden Vorrichtungen bewegen sich durch die gefluteten Felder und lösen die Beeren von den Pflanzen.
Und dann geschieht etwas Erstaunliches.
Jede Cranberry besitzt vier kleine, luftgefüllte Kammern. Sie sorgen dafür, dass die Frucht von Natur aus schwimmen kann.
Sobald die Beeren von den Pflanzen gelöst sind, steigen sie an die Wasseroberfläche. Nach und nach verwandeln sich die gefluteten Felder in riesige Flächen voller schwimmender roter Beeren.
Ein außergewöhnlicher Anblick, den wir aus unmittelbarer Nähe erleben durften.
Von schwimmenden Beeren zu einem roten Meer
Sobald die Beeren an der Oberfläche schwimmen, beginnt der nächste, ebenso faszinierende Arbeitsschritt.
Mithilfe langer schwimmender Sperren führen die Ernteteams die Beeren nach und nach auf immer kleinere Flächen zusammen.
Schließlich liegen die Früchte so dicht beieinander, dass ein leuchtend roter Teppich entsteht, unter dem das Wasser kaum noch zu erkennen ist.
Aus dem Wasser zum Transport: der letzte Schritt der Ernte
Sind die Beeren zusammengeführt, werden sie mithilfe von Pump- und Fördersystemen aus dem Wasser aufgenommen und für die weiteren Verarbeitungsschritte auf Transportfahrzeuge verladen.
Dabei lassen sich Wasser und ein Teil der mitgeernteten Pflanzenreste bereits vorab abtrennen.
Der gesamte Ablauf verbindet Maschinentechnik, Wasserbewirtschaftung und die praktische Erfahrung der Ernteteams. Eine gute Abstimmung ist entscheidend, damit die Arbeit reibungslos verläuft und die Qualität des Rohstoffs erhalten bleibt.
Von der Ernte zur Verarbeitung: Technologie im Dienst der Qualität
Die Ernte ist natürlich erst der Anfang.
Nach dem Transport zu den Verarbeitungsanlagen werden die Beeren erneut gewaschen, sortiert und nach Qualitätsmerkmalen klassifiziert.
Besonders interessant sind moderne optische Sortiersysteme. Kameras, Sensoren und automatisierte Auswertungsverfahren erkennen Beeren, die den Anforderungen nicht entsprechen – etwa weil sie noch unreif, beschädigt oder anders gefärbt sind.
Die so erkannten Früchte lassen sich anschließend mithilfe gezielter Druckluftstöße mit hoher Präzision aus dem Produktstrom entfernen.
Je nach Verwendungszweck werden die Beeren zu unterschiedlichen Zutaten verarbeitet, darunter Trockenfrüchte, Säfte, Konzentrate, Pürees und weitere Erzeugnisse für die Lebensmittel- und Nahrungsergänzungsmittelindustrie.
Fruit d’Or hat über die Jahre eine stark integrierte Wertschöpfungskette aufgebaut: von der direkten Zusammenarbeit mit den Anbaubetrieben bis zur industriellen Verarbeitung. Rückverfolgbarkeit, Qualität und die kontinuierliche Optimierung der Produktionsprozesse spielen dabei eine zentrale Rolle.
Von der Cranberry zu PAC-standardisierten Extrakten
Für uns bei Swisseutic ist diese Wertschöpfungskette besonders im Hinblick auf die Herstellung von botanischen Extrakten mit einem hohen Gehalt an Proanthocyanidinen (PAC) interessant. Diese bemerkenswert komplexe Gruppe von Polyphenolen gehört zu den charakteristischen Inhaltsstoffen der Cranberry.
PAC bestehen aus Ketten von Flavanol-Einheiten, deren Länge von kleinen Oligomeren bis hin zu deutlich komplexeren polymeren Strukturen reichen kann. Diese Unterschiede, zusammen mit den verschiedenen Bindungstypen zwischen den Einheiten, führen zu einer großen strukturellen Vielfalt.
Besonders interessant ist ihr Stoffwechsel. Nach der Aufnahme werden PAC in ihrer ursprünglichen Form nur in begrenztem Umfang resorbiert, insbesondere bei einem hohen Polymerisationsgrad. Ein Teil gelangt daher in den Darm, wo die Darmmikrobiota an ihrer Umwandlung in kleinere phenolische Metaboliten beteiligt ist. Einige dieser Metaboliten werden anschließend über den Urin ausgeschieden.
Gerade diesen Metaboliten schreibt die wissenschaftliche Forschung heute eine potenziell wichtige Rolle bei der antiadhäsiven Wirkung gegenüber bestimmten uropathogenen Bakterien zu, insbesondere Escherichia coli. Dieser Mechanismus zählt zu den untersuchten Erklärungsansätzen für das Interesse an Cranberries bei der Vorbeugung wiederkehrender Harnwegsinfektionen, insbesondere bei Frauen.
Die Komplexität der PAC stellt allerdings auch die Analytik vor Herausforderungen: Wie lässt sich eine Gruppe von Molekülen mit so unterschiedlichen Strukturen anhand eines einzigen Parameters quantifizieren?
Hier kommt die BL-DMAC-Methode ins Spiel. Mit diesem kolorimetrischen Verfahren lässt sich nach einer standardisierten analytischen Vorgehensweise der Gesamtgehalt an extrahierbaren Proanthocyanidinen bestimmen, die unter den Bedingungen des Tests reagieren.
Ihr wesentlicher Nutzen liegt darin, einen gemeinsamen quantitativen Messwert für eine derart heterogene Stoffgruppe zu liefern. Einzelne Molekülstrukturen, Kettenlängen oder das Vorliegen von A-Typ- beziehungsweise B-Typ-Bindungen lassen sich damit jedoch nicht unterscheiden.
Vor diesem Hintergrund steht die Zusammenarbeit zwischen Fruit d’Or, Greenvit und Swisseutic: Sie bündelt sich ergänzende Kompetenzen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vom Anbau der Beeren bis zur Herstellung und zum Vertrieb standardisierter botanischer Extrakte.
Fruit d’Or bringt seine Erfahrung im Cranberry-Anbau, in der Selektion und in der ersten Verarbeitung der Beeren ein. Damit verbunden sind fundierte Kenntnisse über ihre Herkunft und die Rückverfolgbarkeit des Rohstoffs.
Greenvit, unser auf botanische Extrakte spezialisierter europäischer Partner, bildet das technologische Herzstück des Projekts. Mit seiner Kompetenz in Extraktion und Standardisierung verarbeitet Greenvit die Rohstoffe von Fruit d’Or zu Cranberry-Extrakten für die Nahrungsergänzungsmittelindustrie. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Zusammensetzung, der gleichbleibenden Qualität und den eingesetzten analytischen Methoden.
Swisseutic ergänzt diese Partnerschaft durch die Geschäftsentwicklung, die technische Betreuung und den Vertrieb in den jeweiligen Märkten. Dabei stellen wir die direkte Verbindung zwischen den Anforderungen unserer Kunden und den industriellen Möglichkeiten unserer Partner sicher.
Aus der Zusammenarbeit sind bereits Cranberry-Extrakte mit unterschiedlichen Gehalten an Proanthocyanidinen (PAC) hervorgegangen, darunter eine Variante, die nach der BL-DMAC-Methode auf 15 % standardisiert ist. Ziel ist es, das Sortiment schrittweise auszubauen und unterschiedliche technische Anforderungen sowie Formulierungsbedürfnisse des Marktes abzudecken.
Eine Wertschöpfungskette mit Blick auf Nachhaltigkeit
Ein weiterer Aspekt, den wir bei unserem Besuch besonders geschätzt haben, war das Augenmerk auf eine nachhaltige Landwirtschaft.
Fruit d’Or hat im Laufe der Zeit ein Modell entwickelt, das auf der engen Zusammenarbeit mit den Anbaubetrieben, dem ökologischen Landbau, dem verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen und der kontinuierlichen Weiterentwicklung landwirtschaftlicher Praktiken beruht.
Das Unternehmen veröffentlicht außerdem Nachhaltigkeitsberichte, in denen es seine Ziele und Fortschritte dokumentiert – vom Schutz der Biodiversität über den Umgang mit Wasserressourcen bis hin zur Verringerung der Umweltauswirkungen seiner Tätigkeit.
Gerade bei einer Kultur, für die Wasser eine so wichtige Rolle spielt und deren Bewirtschaftung Erfahrung, Infrastruktur und eine sorgfältige Planung erfordert, ist dieser Ansatz besonders interessant.
Rohstoffe verstehen heißt, ihre Herkunft kennenzulernen
Wie schon bei unseren früheren Besuchen in Anbaugebieten hat uns auch diese Reise einmal mehr gezeigt, wie viel Arbeit, Erfahrung und Technologie hinter einem Rohstoff stecken, der auf den ersten Blick so einfach erscheint wie eine kleine rote Beere.
Die Kulturen selbst zu sehen, mit den Erzeugern zu sprechen und die verschiedenen Schritte der Ernte mitzuerleben, ist für uns eine wertvolle Gelegenheit, unser Wissen über die Zutaten zu vertiefen, die wir auswählen und unseren Kunden anbieten.
Diesmal hatte die Reise auch eine persönliche Seite: Ich hatte die Freude, diese Erfahrung mit meiner Tochter zu teilen und ihr einen Einblick in eine Welt zu geben, die zu meinem Berufsalltag gehört und die mich auch nach so vielen Jahren immer noch begeistert.
Ein ganz besonderer Dank gilt dem gesamten Team von Fruit d’Or für den herzlichen Empfang, die Zeit, die man sich für uns genommen hat, und die Möglichkeit, diese beeindruckende Arbeit aus nächster Nähe kennenzulernen.
Weitere Eindrücke von der Cranberry-Ernte finden Sie auf dem YouTube-Kanal von Swisseutic. Dort haben wir mehrere Videos veröffentlicht, die die einzelnen Arbeitsschritte zeigen.